Erste Befestigungsanlagen

Die Geschichte des Festungsbaus in unserm Land ist typisch für eine kleine Nation, die sich, von mächtigen Nachbarn umgeben im Schutz ihrer Neutralität in scheinbarer Sicherheit wähnte. Militärische Befestigungsanlagen wurden immer dann geplant oder gebaut, wenn sich in der Nachbarschaft politisch etwas zusammenbraute. War dann die vermeintliche Gefahr gebannt, so legte man Planung und Bau von Festungen oft jahrzehntelang ad acta.

Planung einer ersten östlichen Abwehrlinie
Erste, einigermassen systematische Projektierungen erfolgten von 1815 bis 1829. Unter der Leitung von Generalquartiermeister Johann C. Finsler (1765-1829) entstanden Pläne, die über die damals noch üblichen Stadtbefestigungen hinausgingen. Finsler hatte erkannt, dass die Donaumonarchie, ein Vielvölkerstaat mit entsprechendem Expansionsdrang, auch für uns ein potentieller Gegner sein könnte. Die Ostfront sah er vom Lago Maggiore bis zum Bodensee mit dem Rhein als erste Abwehrlinie.
Dieses Dispositiv erforderte nach seiner Meinung Festungen im Talkessel von Sargans und eine Sperre bei Starkenbach im Toggenburg. Finsler geriet gesellschaftlich ins Abseits, nachdem das gleichnamige Bankhaus, an dem er beteiligt war, Bankrott machte. Damit waren seine Ideen, die von erstaunlicher Weitsicht zeugten, vom Tisch und gerieten in Vergessenheit. Zu erwähnen bleibt, dass an den genannten Örtlichkeiten vor und während dem zweiten Weltkrieg bedeutende Festungswerke entstanden.

Erste Schanzen bei Bad Ragaz und auf der Luziensteig
1822 publizierte der Genfer Ingenieur und spätere General Henri Dufour (1787-1875) ein viel beachtetes Werk «De la fortification permanente». Dies verschaffte ihm den Auftrag der Tagsatzung 1830 das Festungswesen neu zu überdenken. In der Folge entstanden zahlreiche Projekte in der Westschweiz und im Tessin, von denen einige realisiert wurden. Gestützt auf die Vorarbeiten Finslers berücksichtigte man auch die Ostfront. So entstanden bei der Tardisbrücke bei Ragaz und auf der Luziensteig einfache Schanzen.
Als sich dann die politische Grosswetterlage in Europa beruhigte, verschwanden die Pläne in den Schubladen und den bestehenden Anlagen liess man einen minimalen Unterhalt angedeihen. Vergleiche mit der heutigen Situation sind rein zufällig!
Als 1853 politische Hitzköpfe in Italien für Unruhe sorgten, beeilte sich die Tagsatzung Kredite in der Höhe von Fr. 425’000.– zu sprechen. Der Betrag reichte für den Bau einiger Sperrforts bei Bellinzona und für den Ausbau der Luziensteig.

Befestigung St. Luziensteig (Appenzeller Kalender 1859)

Auslöser für Festungsbauten in Saint Maurice VS und Gondo VS
Drei Jahre später gab es Probleme mit Preussen wegen dem Kanton Neuenburg, der damals noch Preussisches Fürstentum war. 1859 rumorte es erneut in Italien. Prompt reagierte die Schweiz mit dem Bau von Festungen, diesmal in Saint Maurice und am Simplonpass in der Schlucht von Gondo. Von 1860 bis 1882 beschäftigten sich mehrere Kommissionen mit zum Teil kontroversen Projekten, die allesamt scheiterten und ausser Spesen nichts einbrachten.
1904 baute man am Nordportal des Simplontunnels, der 1906 dem Verkehr übergeben wurde, eine grosse Minenkammer, in der Tunnelmitte eine kleine. Nach 1913 wurden weitere Verteidigungseinrichten am Nordeingang der beiden Tunnelröhren erstellt .

Mit dem Ausbau des Reduits im zweiten Weltkrieg wurde eine Festung gebaut mit dem Auftrag, das Becken von Brig und den Nordausgang des Tunnels zu schützen.

Strategische Bedeutung des neuen Gotthard-Eisenbahntunnels
Der 1882 fertig gestellte Gotthardtunnel stellte ein neues Gefahrenpotential dar. Das Königreich Italien, mit Österreich und Deutschland im Dreimächtepakt verbündet, hegte Durchmarschpläne zur gegenseitigen Hilfeleistung. Die Reaktion des Bundesrates erfolgte umgehend!

Am Gotthard entstanden moderne feuerstarke Werke, die Ostgrenze blieb mit Ausnahme der damals schon veralteten Luziensteig unbewehrt. Dann geschah über längere Zeit nichts mehr. Als der erste Weltkrieg ausbrach, setzte eine hektische Bautätigkeit im Süden und Westen ein. Nach 1918 hob man die Fortifikationen am Hauenstein auf und liquidierte das Büro für Festungsbauten.

Gotthardbahn um 1900 bei Göschenen (Zentralbibliothek Zürich)